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Warum betonen Sie den Aspekt der Gerichtserwartung in der Adventzeit so stark?

Weil das zur Wahrheit des Advent nun einmal dazugehört.


Wir haben uns - das klingt nun ein wenig predigthaft, aber es ist deswegen nicht weniger wahr - in dieser Welt des Konsumismus gut eingerichtet. Es gibt nichts, was wir nicht praktisch sofort haben könnten, und wenn es einige Tage dauert, bis etwas geliefert wird, werden wir schon ungeduldig.


Unsere Gesellschaft differenziert sich immer stärker aus - in jene, sie sich alles leisten können (und das meine ich nicht nur in materieller, sondern auch in moralischer Hinsicht) und jene, die sich fast nichts leisten können. Das Fatale daran ist neben der himmelschreienden Ungerechtigkeit, dass den Ärmeren suggeriert wird, dass auch sie alles erreichen können - zumindest potentiell: Wenn du genug Geld hast, dann kannst du dir auch alles leisten, scheint die Botschaft dahinter zu sein; und: wenn du nicht genug Geld hast, dann nimm eben einen Kredit auf.


Auf diese Weise geraten viele Menschen entweder als Beherrschende oder als Bedienende in ein Verhältnis der Schuldknechtschaft - die Dienenden müssen, um ihre Schuld abzuarbeiten, den Beherrschenden notwendigerweise ihr Einkommen und/oder ihre ganze Arbeitsleistung abtreten, was nichts anderes bedeutet als Leibeigenschaft, ja Sklaverei, nur in modernerem Kontext und mit schönen Worten ästhetisch gestaltet.


Nun liegt aber im Wort der „Schuldknechtschaft“ nicht nur die finanzielle „Schuld“ des Dienenden! Nein, auch und gerade der oder die Beherrschende macht sich schuldig, weil sie oder er sich an dem beteiligt, was die Befreiungstheologie als „sündhafte Strukturen“ bezeichnet! Die Synoden von Medellin und Puebla haben es eindrücklich in Erinnerung gerufen: Christus steht entweder auf der Seite der Mühseligen und Beladenen oder auf der keines einzigen Menschen.


Doch auch für die schuldbeladenen Beherrschenden gibt es Hoffnung: wenn sie erkennen, worin sie sich verstrickt haben und sich - wie Hans Urs von Balthasar das einfordert - ganz der Barmherzigkeit des kommenden Richters anvertrauen. Auf mehr als diese kann man nicht hoffen, wenn man zu den Unterdrückern gehört und nicht zu den Unterdrückten ... Und darum hat es Sinn, in Erinnerung zu rufen, dass wir gerade im Advent nicht nur das Geburtstagsfest eines süßen kleinen Babys feiern, sondern auch daran denken, dass der Endpunkt der Geschichte Gottes mit dem Menschen - der umgangssprachlich „Gericht“ genannt wird - noch aussteht, aber mit Sicherheit kommen wird.





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