Inkompetent, aber wenigstens in schlechtem Stil

Eine Reaktion auf ein Interview (V.: 1.2, 10.2.2011)

Peter Seewald, Journalist und Herausgeber des Buches „Licht der Welt“ (Herder: Freiburg 2010), hat sich in einem Interview auf www.kath.net zum Memorandum Kirche 2011: Ein notwendiger Aufbruch auf eine Art und Weise geäußert, die eine sachliche und detaillierte Auseinandersetzung erfordert. Als einer der Unterzeichner (nicht Verfasser!) dieses Memorandums nehme ich mir die Freiheit, dieses Interview an dieser Stelle zu analysieren und zu kommentieren. Aus urheberrechtlichen Gründen bringe ich hier nicht den Volltext beider Quellen, sondern bitte die Interessierten, diese jeweils vor Ort nachzulesen bzw. zur parallelen Lektüre auszudrucken:

Das Memorandum: http://www.memorandum-freiheit.de/

Das Interview: http://www.kath.net/detail.php?id=30063

1. Grundlegendes

Das Memorandum wurde von engagierten Katholikinnen und Katholiken verfasst und redigiert. Es wurde aus Liebe zur Kirche und aus Treue zum Glauben geschrieben und muss so verstanden werden. Wer diese Wirklichkeit ignoriert, der handelt ähnlich verantwortungslos wie jemand, der das Missale als Anleitung für eine Tanztherapie oder das Neue Testament als Satire ausgibt. Entsprechend wäre der Genus des Textes - der ja ausdrücklich gekennzeichnet ist - in eine Beurteilung einzubeziehen: Es handelt sich um eine „Denkschrift“ (Memorandum!), also um ein Werk, das zum Nachdenken über ein oder wie in diesem Fall mehrere Fakten anregen soll und nicht um einen Forderungskatalog, eine Liste von Postulaten oder einen Erpresserbrief. Wer dies nicht berücksichtigt, geht notwendig an der Sache vorbei.

Die Unterzeichner und Unterzeichnerinnen sind durchwegs akademisch qualifizierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die der Kirche im Glauben verpflichtet sind und deswegen nicht mit ansehen wollen, wie sie - volkstümlich ausgedrückt - den Bach hinuntergeht. Sie wollen vielmehr das wahrnehmen, was nicht nur nach dem II. Vatikanischen Konzil, sondern auch in der Tradition der ältesten Kirche zur Pflicht jedes Christen und jeder Christin gehört: Die Heilsgemeinschaft Jesu Christi in der Gesellschaft, in der der jeweilige Mensch lebt, spürbar und erfahrbar zu machen.

Das Interview auf kath.net ist schon von der Fragestellung her nicht ganz nachvollziehbar geführt (was genau will die erste Frage besagen: „Herr Seewald, wie finden Sie die Zölibatsdiskussion mit dem Memorandum der Theologen?“). Man mag sich stellenweise zusammenreimen, was gemeint ist, klar ist es nicht immer. Einige Frage sind auch hochsuggestiv - die zum Beispiel: "Wer steckt hinter dem Memorandum?“. Einerseits wird damit unterstellt, dass das Memorandum anonym sei und die AutorInnenschaft geklärt werden müsse (was nicht der Fall ist: Es gibt ein Impressum, klare Verantwortlichkeiten, eine dokumentierte Genese und Unterzeichner mit Namen und Adresse). Andererseits zielt die Formulierung „Wer steckt hinter“ auf einen zumindest zweifelhaften, eher zwielichtigen Kontext und beinhaltet bereits eine Vorverurteilung der Urheberinnen und Urheber. Man kann auch mit Sprache Gewalt ausüben; kath.net exerziert das an dieser Stelle vor. Nun, ich werde mich im Folgenden damit auch nicht immer zurückhalten können.

Der Interviewpartner von kath.net, Peter Seewald, ist Herausgeber bzw. Autor mehrerer Bücher und Journalist. Über eine theologische Ausbildung oder eine andere akademische Qualifikation ist mir nichts bekannt. Ebenfalls ist mir nichts über eine eventuelle seelsorglich-praktische Kompetenz seinerseits bekannt.

Das soll ihn nicht als Gesprächspartner disqualifizieren; im Laufe der Kirchengeschichte haben schon öfter Nichttheologen der Theologie viel wertvollen Input geliefert. Allerdings scheint es gerade bei einem Thema wie dem von Seewald hier heftig kritisierten schon von Bedeutung zu sein, dass man - wenn man schon über Dogmen befindet und Bibeltexte zitiert - diese zumindest in den korrekten zeitlichen und historischen Kontext einordnen kann. Seewald kann das - soviel geht aus dem Interview hervor - bedauerlicherweise nicht.

Vielleicht in einem Versuch, sich gegen das von ihm kritisierte Memorandum abzugrenzen, wählt Seewald einen gänzlich anderen Sprachduktus, nämlich den des Wutausbruches. Freilich zeitigt das zwei Konsequenzen: Einerseits einen Sprachstil, der den Leser bzw. die Leserin daran zweifeln lässt, dass der Gesprächspartner von kath.net wirklich Journalist und Autor ist (in meinem Heimatort würde man die Ausdrucksweise dem Produktionskontext „Rotzbuam“ zuordnen), andererseits täuscht das lärmende Gehabe darüber hinweg, dass Seewald das Memorandum entweder nicht gelesen oder die Problemstellungen falsch verstanden hat. Die dritte Möglichkeit, das Nichterfassen der Probleme mangels Realitätssinnes oder intellektueller Kapazität, möchte ich nicht unterstellen.

Zum ersten angesprochenen Punkt will ich mich nicht weiter äussern. Der zweite soll hier an einigen entscheidenden Stellen verdeutlicht werden.

2. Inhaltliches, nach den 15 Antworten von Seewald gegliedert

2.1 Dem ersten Absatz des Interviews kann man guten Gewissens zustimmen. Dass die Kirche um den richtigen Weg ringt, ist ausser Zweifel. Dass es darum geht, das Angebot des Christentums (man beachte den Wechsel von „Kirche“ zu „Christentum“!) deutlicher zu machen und Menschen zu retten, wird man nicht bestreiten können. Das ist - gut jesuanisch - tatsächlich die Kerntätigkeit der Kirche. Der letzte Satz unterstellt jedoch, dass die VerfasserInnen des Memorandums (im folgenden VfM) diese Meinung nicht teilen.

2.2 Was meint Seewald mit „neoliberal“? Dieser Terminus ist den Wirtschaftswissenschaften entlehnt. Vermutlich meint er „liberalistisch“ bzw. „neoliberalistisch“. Der Liberalismus ist nun eine Denkschule, die dem Individuum, die höchste Priorität zubilligt. Das würde bedeuten, dass die VfM sich von jeglicher übergeordneten Organisation verabschieden wollen und nur noch jene organisatorischen Strukturen zu akzeptieren bereit sind, die ihre Individualität fördern. Das ist aber nun gerade nicht der Fall. Die VfM fordern im Gegenteil, dass die Kirche sich wandelt, damit sie erhalten bleibt, und damit sie nicht zum Selbstverwirklichungsort einiger weniger Individualisten werde. Als solche wäre sie in der Tat nicht mehr Kirche Jesu Christi. Insofern kann und darf das Gemeindemitglied auch nicht „autonom“ im Sinne von „eigengesetzlich“ sein; es braucht vielmehr jetzt und immer gemeinsam akzeptierte Regulative, die aus einer ungeregelten Autonomie (die ja eine Anarchie wäre) eine reflektierte und glaubende Autonomie (im Sinne einer befähigten Selbstentscheidung zum Glauben) macht.

Verräterisch hier das Zitat 2 Tim 4,3: Das Zitat umfasst auch Vers 4, der aber nicht ausgewiesen wird. Ein wenig Hintergrundwissen hätte Seewald gut getan. Dieser Brief gehört zu den spätesten des Neuen Testamentes und wurde wohl erst um 110 verfasst. Sein Hintergrund ist daher ein ganz anderer als der der frühen paulinischen Autographen und verweist in einer Zeit der ausbleibenden Parusie (Wiederkunft des Auferstandenen als Weltenrichter) in einen Kontext, in dem ein Paradigmenwechsel vollzogen werden muss. Es ist wichtig, Vers 3 und 4 nicht isoliert zu zitieren, sondern auch die Verse 1, 2 und 5 hinzuzuziehen - die Aufforderung zur Verkündigung der „Frohen Botschaft“ und zum treuen Dienst. Dann sieht die Sache in diesem Kontext doch deutlich anders aus.

2.3 Seewald unterstellt, dass die VfM diejenigen sind, die seit 25 Jahren (seit 1986? Warum eigentlich?) „verhindert, dass sich die Kirche in Deutschland der wirklichen Probleme annimmt.“ Welche wären das? Die Kirche hat sich - gottlob - zu einer Menge Themen geäussert und tut es weiterhin: Zum Schutz des Lebens an dessen Anfang und Ende, zur Würde des Menschen, zum Wert des Friedens, zur Gerechtigkeit in der Verteilung der Güter und zu vielem anderen. Den Unterbau für diese Äusserungen haben jeweils Theologinnen und Theologen geliefert, und zwar maßgeblich auch jene, die unter den VfM angeführt sind. Das heisst, für Seewald sind diese Bereiche keine wirklichen Probleme? Eine interessante Weltsicht. Zu den „schiefen Argumenten“ und dem „Ausmaß der Demagogie“ später mehr.

2.4 Die „Rebellion im Altersheim“ ist eine weitere spannende Formulierung. Ich selbst bin 45 Jahre alt, aber ich gehöre weder zur theologischen noch zur kirchenamtlichen Elite (ich bin als Diakon zwar Teil des einen Amtes, aber ohne Lehrkompetenz - die habe ich als habilitierter Wissenschaftler nur universitär). Sehen wir aber näher zu: Von den mit 9.2.2011 224 UnterzeichnerInnen sind die weitaus meisten noch im aktiven Dienststand, viele davon wesentlich jünger als ich selbst. Das „theologische Establishment“ paart sich also mit Politikern? Auch hier wiederum ein kreativer oder sehr unwissender Umgang mit Sprache - ist Seewald klar, was „sich paaren“ bedeutet? Und wer von dieser Liste hat bitte bisher seine Lehrerlaubnis verloren, oder insinuiert das „Agitatoren“ wieder eine hinter den angeführten Namen und Verantwortlichkeiten steckende Verschwörung unbekannter Drahtzieher? Genau solche Spekulationen werden von Sensationsschriftstellern aufgegriffen und bringen dann Abstrusitäten wie die „Illuminati“ (Dan Brown) hervor, wo in Wirklichkeit nichts ist.

Wer macht aus dem Sohn Gottes einen Räuberhauptmann? Dieses Sprachbild ist nicht nur mir fern, sondern es findet sich auch weder direkt noch indirekt im Memorandum.               

Begeistert eine Kirche in der derzeitigen Form ohne tiefgreifende Veränderungen „größere Massen, vor allem Jugendliche“? Ich wage das aus meiner eigenen seelsorglichen Erfahrung zu bezweifeln. Natürlich gibt es immer wieder Einzelevents, die zeigen, dass Kirche „ankommt“ - aber gerade das ist ja dann jene „Eventkirche“, die Seewald selbst so kritisiert, die Kirche der Weltjugendtage, der großen Veranstaltungen, die wohl oft eher wegen ihrer Atmosphäre als aufgrund der dort vermittelten Religiosität besucht werden. Aber nur diese Religiosität, sofern sie nämlich in einer authentischen Alltagserfahrung verankert ist, kann und wird die Kirche als Organisation überleben lassen, weil sie nur dann auch Ort des Heiligen Geistes bleibt und nicht zu einer leeren Organisationshülle verkommt.

2.5 Wenn nun wirklich „jene Theologen gefordert“ (gibt es aus Seewalds Sicht eigentlich keine Theologinnen?) sind, die „noch auf dem Boden der katholischen Verfassung stehen“, muss sich Seewald die Frage gefallen lassen, was denn seiner Meinung nach diese „katholische Verfassung“ ist. Es kann keine wie immer geartete Privatmeinung sein, sondern muss sich um eine Grundlage handeln, die a) aus der Schrift, b) aus der Tradition und c) aus dem Lehramt abzuleiten ist. Nun ist wie oben bereits geschildert die Schrift grundsätzlich der Übersetzung und Interpretation bedürftig (wie viele Gläubige und Amtsträger könnten die Bibel im hebräischen und altgriechischen Original lesen? Wieviel hat sich im Verhältnis von Gott und Volk Gottes im Lauf der 1500 Jahre Tradition von den ersten Überlieferungen des AT bis zu den letzten Schriften des NT um 120 n.Chr. Immer wieder geändert? Gerät es nicht oft aus den Augen, dass die Offenbarung Gottes NICHT die Schriften sind, sondern der lebendige Jesus Christus, und dass die Schriften und die Tradition diesen reflektieren?). Aber auch die Tradition unterliegt ständigem Befragen. Würde man einen Christen aus der Zeit der Zeit Diokletians in eine afrikanische Ortskirche heute versetzen - würde er sich ohne Adaption seines Verständnisrahmens zurecht finden? Gewiss nicht. Und deshalb muss Tradition, GERADE damit sie lebendig bleibt, immer neu reflektiert und adaptiert werden! Und was das Lehramt betrifft: Die Geschichte der Kirche zeigt einerseits an vielen Stellen, dass jene, die das Lehramt inne haben, auch immer wieder der Korrektur bedürfen - und die Weisen unter ihnen haben diese immer wieder akzeptiert. Dass es nebenbei auch ein Lehramt der Theologie gibt und sogar ein Lehramt des Volkes Gottes, wie K. Rahner und H. Fries in ihrem Bändchen „Theologie in Freiheit und Verantwortung“ (Kösel: München 1986) nachgewiesen haben, ist Seewald wohl unbekannt (die marianischen Dogmen sind Ergebnisse von - schnittig ausgedrückt - „bottom up“ - Prozessen!)

2.6 Die „Piusbrüder-Affäre“ meint vermutlich aus Sicht Seewalds die Kritik, die an der Wiederaufnahme illegal geweihter Bischöfe in die katholische Kirche geübt wurde und nicht die Tatsache der Wiederaufnahme an sich. Dass dies und die Missbrauchsaffäre 2010 in einen Topf geworfen wird, ist schon verwunderlich; dass sich in diesem Topf auch das Memorandum wiederfindet, ist höchst fragwürdig. Einen Text, der - wie auch immer man inhaltlich zu ihm steht - sorgfältig formuliert und ursächlich aus Interesse an der Kirche verfasst wurde, mit Verbrechen zusammen zu nennen, ist ein starkes Stück. Und wieder: Es sind „die Theologen“ (obwohl Dutzende Frauen unter den Unterzeichnenden sind), die die Kirche „im Innersten verwunden wollen“. Höchst erstaunlich, zumal Seewald bisher nur das Thema Zölibat ausdrücklich angesprochen hat und nun in einem Atemzug selbst konzediert, dass dieses ja „kein Dogma“ ist (wenigstens damit hat er Recht). Kann die Kirche damit „im Innersten verwundet“ werden? Das wage ich ausdrücklich zu bezweifeln.

2.7 Die Einheit der Weltkirche würde aufs Spiel setzen, wer behauptet, dass es eine regional unterschiedliche Lösung für Einzelfragen gibt, und zwar dogmatische. Der Zölibat ist ein Rechtssatz, der sehr wohl auch partikularrechtlich geregelt werden könnte (was nicht klug, aber denkbar wäre). Kritisch wäre es, wenn die VfM erklären würden: Wir erklären, dass die Kirche irrt, wenn sie Frauen zum kirchlichen Weiheamt nicht zulässt und stellen fest, dass die besondere Situation der Kirche in Europa (und es ist tatsächlich eine besondere Situation) eine regionale Änderung dieser Praxis erfordert. Denn WENN sich dem dann Bischöfe anschlössen und - wie dies ja leidvoll schon erfahren wurde - in Eigenregie Weihen vornehmen, dann ist tatsächlich die Einheit in Gefahr oder schon verspielt. Tun die VfM dies? Nein. Fordern sie dazu auf? Nein. Sie mahnen für die Weltkirche und nicht nur regional ein, was die Tradition der ältesten Kirche, ja die biblische Tradition vorgibt: „Das kirchliche Amt muss dem Leben der Gemeinden dienen - nicht umgekehrt.“ Und folgert daraus: „Die Kirche braucht auch verheiratete Priester und Frauen im kirchlichen Amt“. Notabene: Ich bin auch der Auffassung, dass das zwei ganz verschiedene Ebenen sind, und habe das auch wiederholt so argumentiert. Aber aus dieser Formulierung zu schließen, dass hier ein Sturm auf die Einheit der Kirche unternommen werde ... Nun ja. Und nebenbei: Wenn wir keine anderen Zeichen haben, die in dieser „gottfernen Zeit“ (gibt es so etwas? Nach Seewald ja. Nach Jesus Christus nein, vgl. Mt 28,20) dringend gebraucht werden, dann schaut es schlecht aus. Wir werden wohl vor allem Christinnen und Christen brauchen, die erlöster aussehen, die sichtbar machen, was dieser Gott des Lebens und der Freiheit für sie getan hat.

Der Hinweis darauf, dass niemand die 400.000 Priester gefragt habe, ob sie selbst als Betroffene den Zölibat billigen, ist schlicht sachlich falsch (vgl. Zulehner, Paul M.: Wie geht's Herr Pfarrer. Ergebnis einer kreuzundquer-Umfrage: Priester wollen Reformen, Styria: Graz 2010). Ganz zu schweigen vom Schicksal der Priesterfrauen und -kinder, aber das ist eine andere Baustelle, die von der Fertigstellung noch weiter entfernt ist.

2.8 Nun geht es an die Substanz. Das Memorandum sei, so Seewald „intellektuell auf niederstem (sollte es nicht „niedrigstem“ heissen?) Niveau, unredlich und täusche die Öffentlichkeit. Seewald betrachtet nun einige Argumente im Einzelnen und weist darauf hin, dass es gemessen an der Zahl der aktiven Messbesucher mehr Priester gebe als je zuvor, der Priestermangel also eine reine Erfindung der VfM sei. Ist dieses Argument tragfähig? Aus zwei Gründen nicht: Einerseits ist zugleich das Durchschnittsalter der Messbesucherinnen und -besucher und der Priester so hoch wie nie zuvor, sodass dieses Verhältnis sich noch weiter verbessern wird. Zweitens berücksichtigt Seewald die Größe der Seelsorgeräume in keiner Weise. Wenn wir vom traditionellen hierarchischen Amtsverständnis her die Priester als reguläre Spender der Sakramente betrachten, dann ist zu fragen: Sind die abertausenden Katholiken, die in einem Seelsorgeraum wohnen, automatisch bei Nichtbesuch der Messe von allen Sakramentalien und Sakramenten, ja von aller seelsorglichen und karitativen Arbeit ausgenommen? Das freilich würde den Versorgungsgrad auf ein hoch erfreuliches Verhältnis von 300 „wahrhaften“ Katholikinnen und Katholiken je Priester reduzieren, zugleich aber den katholischen Glauben zu einer HOLSCHULD machen, die er definitiv nicht sein kann und auch nicht sein darf (vgl. Mt 28,19parr.) Die VfM wollen definitiv keine Elitekirche, sondern eine Volkskirche, eine Kirche, die den Menschen nachgeht und sie in ihrem Leben begleitet. Kann man ihnen dies zum Vorwurf machen? Wohl kaum.

Seewald führt die Termini „attraktiv“ und „zeitgemäß“ ein. Diese kommen im Memorandum nicht vor, suggerieren aber, dass die Themen Frauen im Amt (nb: Das Memorandum spricht auch nicht von Ordination!) und Zölibat lediglich PR-Argumente wären. Das verkürzt die Sache deutlich (s.o.) Vollends irreführend ist die Rede von einer Kirche, die „keine Heiligen kennt“. Hier wird den VfM etwas unterschoben, was schon substanziell nicht denkbar ist, ist doch die „Gemeinschaft der Heiligen“ in ihrer zweifachen Bedeutung sogar verbindlicher Bestandteil des Credo (übrigens des gemeinkirchlichen - es ist also nicht so, dass es in den evangelischen Kirchen kein „Heiligen“ gäbe). Hier ist Seewald bedauernswert schlecht unterrichtet.

Die von Seewald bemühte Kausalkette „katholische Sexualmoral plus Zölibat ist gleich Missbrauch“ wird von den VfM an keinem einzigen Punkt auch nur insinuiert. Sehr wohl ist im Memorandum die Rede von einem „Dialog [...] über Moral und Sexualität“. Offenbar triggert diese Wortkombination bei Seewald einen Mechanismus, der zum Überspringen ganzer Absätze führt, was schade ist, sonst hätte er seinen Irrtum umgehend bemerkt, da es unmittelbar danach heißt: „Die tiefe Krise unserer Kirche fordert, auch jene Probleme anzusprechen, die auf den ersten Blick nicht unmittelbar etwas mit dem Missbrauchsskandal und seiner jahrzehntelangen Vertuschung zu tun haben.“

Es ist kaum möglich, sich deutlicher von einem Konnex abzugrenzen: Es geht jetzt nicht nur darum, wahrzunehmen, was sich offenbar unter dem Eindruck Missbrauch aufdrängt, sondern auch darum, über diesen unmittelbaren Bereich hinauszuschauen! Das wird wohl kaum bestreitbar sein, es sei denn, man bestritte, dass es andere Probleme in der Kirche gäbe, die einer Lösung wert wären.             

2.9 Hier unterstellt Seewald, dass die VfM nicht ehrlich Eucharistie feiern und dass für sie Frömmigkeit ein Unwort sei. Ich sehe dafür im Memorandum keinen Anhaltspunkt. Ich denke eher, dass eine echte und herzliche (im Wortsinne) Frömmigkeit zu den Rettungsankern der Kirche gehört, und das scheint mir auch aus der Formulierung des Schlussatzes des Memorandums zu sprechen: „Christinnen und Christen sind vom Evangelium dazu aufgefordert, mit Mut in die Zukunft zu blicken und – auf Jesu Wort hin – wie Petrus übers Wasser zu gehen: „Warum habt ihr solche Angst? Ist euer Glaube so klein?“ Inwiefern das Memorandum übrigens „Aufstand und Pöbeleien gegen den Papst“ enthält, begründet Seewald nicht. Man mag selbst beurteilen, welcher der hier betrachteten Texte pöbelhafter ist.

2.10 fokussiert wieder auf die Zölibatsfrage und bringt eine Werbeeinschaltung für den von Seewald herausgegebenen Band „Licht der Welt“. Ansonsten werden die Positionen von 2.2-2.7 in Ausschnitten und umformuliert wiederholt.

2.11 Es gibt keinen „auf Lebenszeit gesicherten“ Lehrstuhl, wie gerade der von Seewald aufgegriffene Fall Küng deutlich zeigt. Die Kirche hat in Deutschland und Österreich die Hoheit über die Lehrbefugnis der Theologinnen und Theologen und kann diese auch entziehen. Hier mangelt es Seewald an Sachkenntnis. Und was bitte bedeutet der Satz: „Oder nehmen Sie das Fähnchen an Freizeitdemonstranten, die mit ihren Schriftbändern auftauchen, sobald irgendwo ein Bischof vorfährt?“ Die Hintergründe der Initiative „Wir sind Kirche“ sind Seewald offenbar ebenfalls nur als Schlagwort bekannt.

2.12 Interessant ist hier, dass Seewald - der in 2.10 die VfM als „Alt-68“er bezeichnet hat - mit deren eigenem Protestruf in Verbindung bringt, den „Muff aus verstaubten Talaren“. Zugleich wird unterstellt, dass es diese Gruppe (ich nehme an, „die Theologen“) war, die Hunderttausende von der Kirche weggetrieben hat. Ich halte es für höchst zweifelhaft, dass auch nur ein Promille jener Menschen, die in Deutschland und Österreich in den vergangenen 25 Jahren (auf diesen Zeitraum bezieht sich Seewald in 2.3) überhaupt weiß, was denn Theologie ist bzw. jemals einen Theologen und/oder eine Theologin gehört hat. Und welche Früchte kann eine Theologie ernten, so könnte man rückfragen, wenn eine gesellschafts- und weltfremde Kirche ihr die Jugend mit solchem Desinteresse erfüllt, dass diese sich nicht mehr für ein Studium der Theologie interessiert? Ein durchaus umkehrbares Argument, das aber in beiden Ausrichtungen zu kurz greift. Tatsache ist, dass die gesellschaftlichen Verwerfungen weder von der Theologie noch von der Kirche verursacht wurden, sehr wohl aber von beiden zu reflektieren sind. In ihrem Umgang mit der Schriftrevolution hat die Kirche (und nebenbei auch die Theologie) gezeigt, dass sie das sehr wohl kann, wenn sie - flapsig ausgedrückt - die Themen-Leadership behaupten kann. Das hat sie in der Internetrevolution nicht mehr geschafft und müsste sich sehr anstrengen, um aufzuholen.

2.13 Die Aussagen Seewalds zum Zentralkomitees der deutschen Katholiken sind unsachliche Pejorative. Zugleich fordert er Konsequenzen für einen Priester und Akademiker, der als Sekretär der Bischofskonferenz seiner Hoffnung (sic!) Ausdruck gibt, dass die Vorschläge, die von Bischöfen (die ja per Definitionem die Lehr- und Hirtengewalt inne haben) erarbeitet werden, anregend und weiterführend sein mögen. Was daran ist verwerflich? Dass Bischöfe tun, was ihres Amtes ist, nämlich am Lehramt teilhaben? Dass jemand auf etwas Gutes hofft? Und wieder verweist Seewald auf die „wahren Probleme“, die verschleiert würden, OHNE sie aber zu benennen. Das ist kein redlicher Umgangston.

2.14 Dass das Versagen der Gotteslehrer und der bestellten Hirten der Grund „für das Eingreifen Gottes, die Erscheinung des Sohnes“ gewesen sei, ist mir in diesem Zusammenhang neu. Wenn dies und alle anderen Thesen Seewalds zuträfen, wohl uns: dann wäre die Parusie unmittelbar bevorstehend (was ich persönlich freudig, aber auch mit Zittern erwarte).

2.15 Und wieder wird der Zölibat zum Prüfstein für die Katholizität. Das ist, mit Verlaub, Unsinn. Was steht im Credo? Die Trinität, die Vergebung der Sünden, die Auferstehung der Toten, das ewige Leben (sehr verkürzt). Nicht der Zölibat. Es sei auch an Röm 10, 9f erinnert („denn wenn du mit deinem Mund bekennst: «Jesus ist der Herr» und in deinem Herzen glaubst: «Gott hat ihn von den Toten auferweckt», so wirst du gerettet werden. Wer mit dem Herzen glaubt und mit dem Mund bekennt, wird Gerechtigkeit und Heil erlangen.“), und wenn Paulus nicht überzeugend ist, ist Seewald es vielleicht für sich selbst, wo er doch selbst zutreffend feststellt: „Der Zölibat ist kein Dogma“ (s.o., 2.6). Nun ja - und wie soll sich an etwas, was kein Dogma ist, eine Trennlinie festmachen lassen? Sind die unierten Kirchen mit ihren nichtzölibatären Priestern nun plötzlich nicht mehr katholisch? Das scheint mir unwahrscheinlich.

Es ist unbestreitbar, dass der „Zölibat großartige Priestergestalten und Ordensleute hervorgebracht hat“, keine Frage, wobei ich hier nicht so bekannte Namen, sondern eher meinen Heimatpfarrer nennen würde, der ein heiligmäßiges Leben nach den evangelischen Räten voller Milde und Barmherzigkeit führt.

Aber es ist nicht die entscheidende Größe. Die wahren Probleme sind andere - Seewald drückt sich um sie herum, während das memorandum sie klar benennt: Entfremdung der Kirchenleitung von der Basis und umgekehrt; Probleme bei der Übersetzung der Offenbarung Gottes (nochmals: Das ist Jesus Christus selbst!) in unsere konkrete Zeit; Probleme in Auffassungsdifferenzen der Rechtskultur (das Kirchenrecht ist kein Dogma, sondern ist schon oft genug geändert worden, etwa 1917 und 1983 umfassend und in Teilbereichen laufend, vgl. Motuproprio „Omnium in mentem“ von 10/2009), Ernstnehmen der eigenen kirchlichen Aussagen zur Freiheit des Gewissens (vgl. Katechismus Ziffer 1777ff), Formen des Gottesdienstes, die zu Zeiten des byzantinischen und lateinischen Hofzeremoniells völlig klar und verständlich waren, aber heute wieder neu vermittelt werden müssen und - das II. Vatikanum legt diese Spur ja deutlich genug - neu angebunden werden müssen an die Feiern der frühen Kirche.

Zusammenfassend:

Seewalds Interview ist sprachlich nicht diskutabel, argumentativ teilweise falsch, wimmelt von Unterstellungen und lässt den redlichen Leser / die redliche Leserin daran zweifeln, was die Bezeichnung „Journalist“ und „Autor“ eigentlich wert ist.